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Video-Interview

Interview online: Jon Power aus Großbritannien hat mich 2008 bei der Spielemesse in Essen zur Spieleentwicklung und -redaktion interviewt. Das englischsprachige Interview ist hier zu sehen. Viel Spaß damit!


Spiel mit mir

Spiele-Fans brauchen ständig Nachschub. Auch Berliner Tüftler sorgen für neue Herausforderungen

Quelle:
Berliner Morgenpost, 02. Mai 2004, Magazin, S. 2
Der Artikel erschien in gekürzter Form auch im Kölner Stadtanzeiger, 22./23. Mai 2004, unter dem Titel "Spiel, Satz, Sieg"

Brettspiele haben eine lange Tradition in Deutschland. [...] Spielemessen sind ebenfalls Publikumsrenner: So trafen sich auf der Münchener "Spielwies'n" im November 25.000 Fans, die Essener Spieltage zählen regelmäßig mehr als 150.000 Mitspieler.

Auch die "Meisterschaft im Brettspiel" darf nicht fehlen. Aus dem Spiel wird Ernst, wenn die besten und fleißigsten Spieler beim Finalturnier am 15. Mai im rheinischen Herne aufeinander treffen. Dabei treten 32 Mannschaften aus 14 regionalen Vorentscheidungen gegeneinander an.

Andrea Meyer gehört zu den bekannteren Berliner Spieleautoren, sie hat mittlerweile ihr viertes Spiel im Eigenverlag veröffentlicht. "Hossa", das über ihre Internetseite http://bewitched-spiele.de für 28 Euro (sic!) zu beziehen ist, wurde rund 1.500mal geordert, was für einen kleinen Spieleverlag eine Menge ist. Da das Spiel darin besteht, Anfänge von Liedern zu singen, die die anderen erraten müssen, griffen besonders Chöre gern zu. Spielerezensenten urteilten wegen der geforderten Gesangskünste zurückhaltend - dabei ist die Symbiose von Singen und Spielen so einfach wie Erfolg versprechend. "Meine Spezialität sind Spiele mit skurrilen Themen", sagt Andrea Meyer, und deshalb hätte sie bei großen Verlagen keine Chance. "Die Geschichte mit dem Eigenverlag entwickelt sich aber sehr gut, es ist ein Zubrot, und ein Ort, um kreativ zu sein", sagt sie.

Auch international gewinnt die Spielszene immer mehr an Bedeutung, so ihre Erfahrung. "In den USA sind Verlage sehr an neuen Spielentwicklungen interessiert", berichtet Andrea Meyer, "und auch in Südkorea passiert zurzeit eine Menge." Dort eröffnen immer mehr Spielecafés, in denen man gegen eine Eintrittsgebühr nach Herzenslust spielen kann. [...]

Dirk Engelhardt


Woman in gaming

Alan How asks the questions
Andrea Meyer, Jaymini Patel and Angela Gaalema provide the answers

Quelle: COUNTER magazine, September 2003, p. 8-16

AH: What issues in Germany stop women becoming more involved in board games?

First of all, the old role models are still valid - girls get dolls and stuff, boys get games and building material. Then many games require a skill for combination and spatial vision and thinking. However, in bi-educational schools girls are often not encouraged as much as boys to use and develop these skills. Besides, girls are still taught to take care of the group and the individual feelings rather than paying attention to winning - which for many boys is the main thing in gaming - getting to the next level. I suppose there's also a link between computer gaming and boardgaming. More boys playing Playstation and stuff means proportionally more boys playing boardgames. Besides, boardgames often have an image of being old-fashioned, not "hip". If something hip appealing to girls, too, is put into boardgames (e.g. like the TV-series "Big Brother"in Germany), the game is usually so bad that this is no advertising for board-games or gaming at all.

All of these issues have been looked into quite intensely by academics - they just have not been combined into models for why little girls play games while older girls and women stop doing so. There must be some transition at the age of 11 or 12 that shifts attention to other things but games.

AH: Are women better at some games than men? What type and why?

Many women prefer communication games like "Tabu". It's quickly explained, you play in teams and there is a lot of communication. There is no "single winner"- or single looser"-syndrom, so there is not that much "women's work" to do when it comes to integrating the group - very relaxing! I think that many women like "Die Siedler von Catan". I believe the reason is that there is communication, too - you cannot win by simply playing on your own. And there is always a chance to say that your losing was bad luck while your winning was definitely due to your competence. Generally speaking, my experience is that women prefer "easy" games without much rule reading to do.

AH: How can you get more women involved with boardgaming?

You will not attract many women into male dominated groups in which it is important to win games to be cool. To most women being in such groups appeals to their social competencies, gaming in such groups means work, not fun.

Open groups playing "Tabu" as well as "Carcassonne", "Scrabble", and "Ave Caesar" will most probably attract women, too. Of course it is always easier to join a group with sympathetic gamers. I like to play in groups where the gamers don't continue their everyday fighting (in jobs, university or wherever) in the games. I just don't need anybody shouting at me how bad my move was or how evil I am towards him. And yes of course: I am evil while gaming, but this is exclusively restricted to the game! I like to play with people who have a minimum of social competence.

[...]


Andrea Meyer

Systematikerin mit Sinn fürs Schräge

Quelle: Fairplay, Juli-September 2003, S. 18-1

Ein Büro. Auf dem Schreibtisch bizarre Berge von Aktenmäppchen. Um wichtiges von Unwichtigem zu treffen, muss jedes einzelne Mäppchen hervorgezerrt, geöffnet und umgeschichtet weden. Dann das nächste Mäppchen ... Nachts, weit nach Feierabend, ein ganz spezielles Vergnügen. Der Berlinerin Andrea Meyer gelang es nicht nur, solche Überstunden irgendwie hinter sich zu bringen, sondern der absurden Situation mit selbstironischer Distanz auch noch eine witzige Spielidee abzugewinne: das Behördenspiel AD ACTA. "Ich hätte das Spiel nicht an einen Verlag verkaufen können", resümiert Meyer. "Es ist so krank, dass es schon wieder lustig ist."

[...]

Vollzeitberuf, Autorin, Eigenverlag, SAZ-Ehrenamt - und trotzdem noch freie Wochenenden. Meyer besitzt die Fähigkeit, effizient planen und arbeiten zu können. Solche Strukturiertheit kann aber auch zum Fluch werden. Leicht bürdet man sich zuviel auf und vergisst sich selber dabei. "Aber wenigstens weiß ich das und hab da mehr ein Auge drauf": Meyer macht bewusst auch anderes als "nur diese Hirngeschichten". Singen im "HeartChor" beispielweise, einem Chor von 22 Berliner Lesben. [...] "Es ist sehr nett, mal nicht nachzudenken, sondern andere Dinge zu tun. Das Singen ist etwas, was einfach so passiert. Da arbeitet ein anderer Teil von mir."

In der männerdominierten Spiele-Szene stellt eine Autorin die Ausnahme dar. - Spielen Frauen weniger gern? Bei allen Abstrichen, die man bei solchen Pauschalaussagen machen muss, scheinen Männer in der Mehrheit aggressiver zu spielen und SPiele zu bevorzugen, die das Gegeneinander betonen. Solche Spiele dominieren auch den Markt. "Als Mädchen lerne ich dagegen in der Regel sehr früh, dass ich für die Gemeinschaft zuständig bin, für den Zusammenhalt", sagt Meyer. - Verschiedene Ansprüche ans Spielen, die schwer zusammenpassen. "Ich glaube, dass es für manche Frau schwierig ist, in Männerspielrunden reinzukommne. Was fehlt, ist die Kommunikation darüber und das Erkennen, dass es noch andere Weisen gibt zu spielen und nicht nur die eine richtige."

[...]

Und so kann sie recht entspannt nach Essen fahren: "Ich habe nicht das Gefühl, ich mach hier gerade was, was eigentlich nicht gut für mich ist. Es ist eher, wie sagt man so schön, man hat 'nen Lauf".

Udo Bartsch


Keine Lust auf Aktenberge

Spiele-Erfinderin: Die pfiffigen Ideen der Ministeriums-Referentin Andrea Meyer

Quelle: Rheinische Post und Schwäbische Zeitung, 15.02.2003

Beruflich hat sie ständig damit zu tuen, selbst nach Feierabend kommt sie davon nicht los: Andrea Meyer und die Akten.

Kurz vor Mitternacht war es soweit: Andrea Meyer, persönliche Referentin einer Staatssekretärin, schaute resigniert auf einen Stapel ungelesener Akten, auf dem im Laufe des Tages ein weiterer Packen abgelegt worden war. "Eigentlich ein tolles SPielprinzip" sagte sich Meyer und erinnerte sich an ihr Hobby: Spiele erfinden. Knapp zwei Jahre später war "Ad Acta" fertig. Beim Spieletreff in Essen erklärte die Referentin im Bundesumweltministerium in Berlin in hemd, Karwatte und Ärmelschonern ihr Bürokratenspiel. Ruck-zuck war "Ad acta" ausverkauft. Jetzt gibt es eine zweite Auflage.
Eine ungewöhnliche Erfolgsstory, denn Andrea Meyer hat fast alles selbst gemacht. "BeWitched-Spiele" heißt ihr Einfrau-Verlag in Berlin, in dem "Ad Acta" bereits die dritte Veröffentlichung ist. "Klar kann man sein Produkt an einen großen Verlag abgeben. Doch wenn die Idee schräg genug ist, lohnt sie im Eigenvertrieb", sagt Meyer. [...]
Andrea Meyer hat über ihre Erfahrungen eine humorvolle Internet-Homepage zusammengestellt. Sie will damit anderen Spieleautoren helfen, Fehler zu vermeiden. Einmal im Jahr veranstaltet sie mit zwei Kollegen ein Seminar für Möchtegern-Erfinder, in dem SPielentwürfe gemeinsam überarbeitet werden. Dort testet sie auch ihre Ideen.
Was erscheint in diesem Jahr bei "BeWitched-Spiele" neu? Das verrät die Solo-Spielerin nicht, es sei alles noch im Planungsstadium. Die Zeit bis zur Spielemesse in Essen wird langsam knapp. Doch Andrea Meyer ist immer etwas eingefallen - und sei es kurz vor Mitternacht im Büro.

Stefan Ducksch


Eine verspielte Spielerin spielt Spiele...

Andrea Meyer

Quelle: Hall 9000, 04.12.2002

Das Interview, das Frank Gartner mit mir geführt hat, lest Ihr inklusive Fotos am besten auf der prima Seite direkt.


Die Lust am Dilemma

SPIELMACHER [*] Wer Spiele erfindet, kann zwar nicht das Hobby zum Beruf, wohl aber den Beruf zum Hobby machen

Quelle: Wochenzeitung Freitag, 18.10.2002

Mit der Muse ist es wie mit der Polizei. Wenn man sie dringend braucht, ist sie nie da. Sie erscheint, wann immer es ihr beliebt. Man sollte also vorbereitet sein. Eines Morgens erschien sie Andrea Meyer in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Sie kam in Gestalt eines Ohrwurms, einer Schnulze, die sich beim Aufstehen in den Gehörgang kuschelt und sich im Laufe des Tages wie eine lästige Zecke im Trommelfell verbeißt. Es war irgendwas mit Liebe, Herz und Feuer. Worte eben, die immer und in jedem Refrain vorkommen. Und das war es dann schon fast. Zu einem Wort fielen ihr auf Anhieb vier weitere Schlager ein. Zu einem anderen immerhin zwei. Wenn man diese Worte je nach Häufigkeit unterschiedlich bewertet und Bonuspunkte verteilt fürs Singen, wird es ein Spiel - irgendwann. Denn so schön es ist, die Idee zu haben, so grausam wird das Gefummel, ein spielbare Version daraus zu entwickeln. Da wird gegrübelt, entworfen, getestet und umgeschrieben und manchmal auch in der Schublade entsorgt. Die Arbeit einer Spiele-Erfinderin ist mühsam und langwierig. Andrea Meyer erfindet Spiele, seit fünf Jahren schon. Sie ist eine der wenigen Frauen in der Spieleautoren-Branche. Nach Hossa, dem Schlager-Ratespiel, und Stimmvieh, dem Parteienfinanzierungsspiel, folgt in wenigen Tagen als ihr drittes Werk eine Art Behörden-Simulation namens ad acta. Manchmal verirrt sich die Muse eben auch in die Bürokratie.

Berlin-Tegel, September, Sonntagnachmittag. Im hölzernen Jugendzentrum am Rande der Kleingarten-Kolonie wird das erste Berliner Spiele-Autoren-Treffen abgehalten. Die Zielgruppe ist auch geladen. Ein paar Dutzend Spieler sind gekommen, die handvoll Autoren zu besichtigen, ihre Spiele zu probieren und vielleicht auch eins zu kaufen. Vor der großen Fensterfront sitzt Meyer, eine kräftige Frau in Jeans-Weste, mit Brille und kurzen blonden Haaren und hantiert mit Kärtchen und Büroklammern. Sie erklärt einem Kollegen ihre neueste Erfindung. Und die geht so: Vier Spieler, die Chefs von Rathaus, Finanz-, Umwelt- und Arbeitsamt, versuchen ihre Akten so über die eigenen und fremden Schreibtische zu bugsieren, dass sie im rechten Moment ad acta gelegt werden können. Das bringt Punkte. Wie im echten Leben denkt jede Behörde zuerst an sich. Fremde Akten werden geflissentlich ignoriert, man bittet vorrangig um Amtshilfe, terrorisiert sich mit Anrufen, Rücksprachen und Sonderboten. Das Dilemma: Ständig bringt der Bote neue Akten. Der Stapel wächst, der Kampf scheint aussichtslos. Einige Akten bleiben immer liegen, bis zum Feierabend, bis ganz unten schon der Schimmel blüht. Und am Ende droht der Reißwolf.

"Mein Insider-Wissen kam mir bei diesem Spiel natürlich zugute", sagt Meyer. Bei der täglichen Arbeit leidet sie nämlich selbst an diesem Akten-Dilemma. Die Mitdreißigerin arbeitet als Referentin im Bundesumweltministerium. Allein vom Spieleerfinden lässt sich die Miete nicht bezahlen. Sie muss zufrieden sein, wenn sie die Materialkosten decken kann. "Es kommen zwar jedes Jahr hunderte neue Spiele auf den Markt, aber höchstens zwei oder drei Autoren können sich ganz damit finanzieren", sagt sie. Einer dieser Professionellen ist Klaus Teuber. Sein Bestseller Die Siedler von Catan hat sich hunderttausendfach verkauft. Andrea Meyer ist schon stolz, wenn sie 500 Stück losschlägt - im Selbstverlag. Auf dem handgemalten Poster hinter ihr prangt ihr Markenname: "Bewitched Spiele".

Andrea Meyer ist Mitglied der Spiele-Autoren-Zunft. In der haben sich etwa 300 Erfinder vereint - auch, um ihre öffentliche Wahrnehmung zu erhöhen. Es gehe nämlich nicht an, sagen die Zunftmeister, "dass viele Käufer Spiele noch immer erwerben, ohne auf die Autoren zu achten, was bei einem Buch ja eine Selbstverständlichkeit ist." Während die Brettspielkultur in anderen Ländern im Sterben liegt und vornehmlich unter Kinderkram firmiert, floriert hierzulande eine vitale Szene. Deutschland einig Spielerland? Immer wieder schaffen es auch Spiele mit kompliziertem Regelwerk, die als schwer verkäuflich gelten, auf bundesdeutsche Tische. Die Gier scheint unermesslich. Eine Bekannte aus Meyers Spielerunde lagert 1.500 Spiele in ihrer Wohnung - in 14 tiefen Regalen, in zwei kompletten Zimmern. Sie könnte einen Spieleverleih betreiben, aber Spieler geben ihre Lieblinge nur ungern her. Da kommt immer was weg. Sie bringen sie höchstens mit zum Spielenabend.

Spieleabend - eine Vokabel mit der Kraft, die Nation zu spalten. Lässt Augen funkeln und Finger kribbeln bei den einen. Löst Alarm und Fluchtreflexe aus bei den anderen. Langes Palaver, welches Spiel, welche Regeln, lackierte Kieferntische, oben Ton-Teekanne auf Stövchen, unten feuchte Wollsocken. Und wenn es ganz schlimm kommt: Herbert Grönemeyer. Spieletreffen muss man mögen. Andrea Meyer mag Spieletreffen. Irgendwann vor fünf Jahren verspürte sie den Wunsch, eigene Spiele zu erfinden. "Es ist eine schöne Art die eigene Kreativität zu verewigen", sagt sie. Also grübelte sie über Mechanismen und Strategien und hoffte auf die Muse. Es gibt kein Verfahren und keine Regeln. Nur eines ist wichtig: man muss ein Dilemma erzeugen, die scheinbar ausweglose Situation. Der Zug mit ungewissen Folgen, die Angst vor der vertanen Chance und eine kleine Prise Zufall. Hübsch verpackt in eine Geschichte könnte es klappen. Das Spiel reduziert die Komplexität der Wirklichkeit und ist eine a) freie, b) ungewisse, c) vom Alltag abgekoppelte, d) unproduktive, e) geregelte, f) fiktive Betätigung. Sagen die Sozialwissenschaftler. Andrea Meyer hat Pädagogik studiert.

"Spiele machen Sinn - auch pädagogisch. Das ist vor allem nach Erfurt wichtig", sagt sie. Eine mittelalte Frau, die beim Spiele-Autoren-Treffen am selben Tisch Platz genommen hat, erhebt Einspruch: "Also, ich weiß nicht. Erfurt! So was lässt sich doch nicht mit Brettspielen verhindern", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Natürlich nicht. Aber ich merke beim Spielen, dass ich nicht unbedingt gewinne, wenn ich aggressiv spiele", sagt Meyer. Ein paar Tische weiter beugen sich fünf Spieler über eine Landkarte. Sie starren auf das bunte Spielfeld, auf dem "Weltmächte" steht und das vollgestellt ist mit absurd vielen Steinen und Figuren. Ein junger Mann mit Zopf versucht seit einer ewigen Weile, das Spiel zu erklären. Er sagt: "Die Frage ist doch: tragen die anderen Länder die UN-Resolution mit oder nicht?" Nachdenkliches Schweigen. Dann sagt er: "Jetzt brauchen wir Papier und Stifte."

Komplexe Spiele gehen schlecht. In seinem Leitfaden für Spieleerfinder warnt der Spiele-Experte Tom Werneck: "Der Redakteur muss eine Vorstellung davon bekommen, wie schwer oder leicht die Spielidee einem Verkäufer oder dem Endverbraucher vermittelt werden kann." Wäre Schach erst heute erfunden worden, hätte es kaum eine Chance, auf den Markt zu kommen. Es ließe sich nicht vermarkten. "Spiele, die auf einem sehr komplizierten Regelwerk beruhen, haben bei uns kaum Chancen", sagt auch Susanne Schausbreitner, Redakteurin beim Ravensburger Verlag. Sie begutachtet zugesandte Spiele auf Verwertbarkeit. Über 1.500 Angebote landen jährlich auf ihrem Tisch - von skizzierten Entwürfen bis hin zu spielbaren Muster. Nur etwa 40 werden umgesetzt. Die meisten Ideen kann sie bereits nach kurzem Regelstudium in die Tonne treten. "Oft handelt es sich lediglich um die hundertste Abwandlung erfolgreicher Spieleklassiker", sagt Schausbreitner - Memory mit anderen Bildern, Monpoly im Mittelalter. Sogar Mensch-Ärgere-Dich-Nicht wird immer wieder neu erfunden. Andere Vorschläge funktionieren einfach nicht. Erst wenn auch die Testrunden erfolgreich verlaufen, der Spielreiz stimmt und die Vermarktungschancen auch, bekommt der Autor einen Vertrag, der ihn mit drei bis fünf Prozent am Umsatz beteiligt. Für die Spiele von Andrea Meyer haben sich die Verlage bisher nicht interessiert - nicht familienkompatibel, zu schwierig, zu speziell, darum der Eigenverlag. Zwei Jahre hat sie an ad acta getüftelt von der Idee bis zum Endprodukt. "Man muss Spiele testen, immer wieder, mit Leuten, die einen Scheiß-Arbeitstag hatten, die verliebt sind oder so", sagt sie. Auch Extrem-Strategien, die Grenzfälle, müssen ausgelotet werden. Was passiert, wenn jemand statt Akten zu bearbeiten alle Aktionspunkte inklusive der Traubenzucker-Reserven für die Überstunden nur ins Bleistiftspitzen investiert? Oder wenn jemand, was dumm wäre, statt der eigenen Akten nur die der Mitspieler bearbeitet? Funktioniert das Spiel dann noch? Nach allem Getüftel und Geteste beginnt für das Ein-Frau-Unternehmen die eigentliche Arbeit: Spielpläne entwerfen, Spielsteine und Karten bestellen und Kartons falten, 40 Büroklammern abwiegen. In ein paar Tagen wird es vollbracht sein. Sie wird das Spiel öffentlich vorstellen in der Saarländischen Landesvertretung, Kollegen und Freunde werden da sein, sie wird dem Grafiker danken und ihrer Freundin - dafür, dass sie hinnimmt, dass 200 Spiele den Flur der gemeinsamen Wohnung verstellen. Und während die Gäste ad acta spielen, wird sie in Gedanken schon in Essen sein. An diesem Wochenende findet dort die Spiele-Messe "Spiel02" statt. Über 100.000 Besucher werden erwartet. Für viele Kleinverlage ist das die beste Chance, ihre Spiele zu bewerben und etliche zu verkaufen. Etliche heißt zwischen 150 und 200 Stück.

"Die Regeln hab ich langsam drauf. Inzwischen bin ich auch ganz gut im Erklären", sagt Meyer zu einem Herrn im Karo-Jackett, der neugierig den Spielplan studiert. "Das glaube ich", sagt Jochen Corts. Er ist Fach-Journalist, Mitglied der Jury "Spiel des Jahres" und Förderer "kleiner" Spiele. Corts lauscht geduldig, nickt wissend und sagt dann: "Ich habe leider zu wenig Zeit mitgebracht, um das Spiel anzuspielen." Sie: "Schade." Er: "Wieder im Eigenverlag?" Sie: "Immer Eigenverlag" Er: "Naja, das wärī doch was als Werbegeschenk für Behörden. 50 Jahre BfA oder so." Sie: "Mal sehen." Werbegeschenk? Das klingt nicht unbedingt nach heißer Anwartschaft auf den Titel "Spiel des Jahres". Aber das ist Andrea Meyer egal. Aus ihrem Hobby ist zwar fast ein Beruf geworden, aber bitte, es ist doch nur ein Spiel.

Jan Rosenkranz